Eine Allianz zwischen Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Naturschutz

Seit den katastrophalen Hochwässern vom Juni 2013 wird deutschlandweit wieder über besseren Hochwasserschutz beziehungsweise bessere Hochwasservorsorge diskutiert. Dabei zeigt sich, dass dem vorsorgenden Hochwasserschutz künftig mehr Bedeutung zukommen muss. Wasserrückhaltungssysteme und natürliche Wasserspeicher zu entwickeln, ist notwendiger denn je, um für eine bessere Balance zwischen Wasserüberschuss und Wassermangel zu sorgen. Das wiederum soll beitragen, die Biodiversität und einen nachhaltigen Hochwasserschutz zu erhalten. Mit einem Schlagwort ausgedrückt: Es müssen wieder mehr „Schwämme“ in der Landschaft entstehen, die diese Ausgleichsfunktion erfüllen können.

Weißstörche an der Elbe (c) Krüger/Projektbüro Mittlere Elbe
Weißstörche an der Elbe (c) Krüger/Projektbüro Mittlere Elbe

Diesen Zielstellungen folgt das Projekt „Eine Allianz zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft – Wasserrückhaltung im Einzugsgebiet der Elbe“. Es hat sich gezeigt, dass diese Aufgabe – wenn sie denn von allen gewollt und gemeinsam angepackt wird – in vielen Gebieten möglich ist. Das zeigte als Vorstudie der 2008 aufgestellte „Aktionsplan Weißstorch im Dichtezentrum Elbe“. Die Allianz Umweltstiftung und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt wurden gewonnen, das aktuelle, auf drei Jahre angelegte Projekt zu fördern. Die geplante Umsetzung der Projekte steht für das kooperative Handeln zwischen Naturschutz, Wasserwirtschaft und Landwirtschaft/Forstwirtschaft im Sinne einer ausgewogenen Landschaftsentwicklung. Vor Ort gebildete Allianzen sollen die Handlungsfähigkeit in der Zusammenarbeit verschiedener Akteure beweisen.

Nur noch Reste natürlicher Flussauen

Über die Elbe und ihr gesamtes Einzugsgebiet wurde in den vergangenen zwanzig Jahren verstärkt diskutiert. Thema der Diskussion sind eine sinnvolle landeskulturelle Entwicklung, der Hochwasserschutz und der Naturschutz. Durch ihre jahrzehntelange abseitige Lage als Grenzregion zwischen Ost und West sind zwar noch an wenigen Stellen die typischen dynamischen Entwicklungen und Abläufe natürlicher Flussauen zu beobachten. Große Teile ehemaliger Feuchtgrünlandflächen und sumpfiger Biotope im Einzugsgebiet der Elbe und ihrer Nebengewässer wurden allerdings als Lebensraum für feuchtigkeitsliebende Tier- und Pflanzenarten entwertet, indem sie entwässert, intensiver genutzt und zu Ackerland umgebrochen wurden. Trotz der sinkenden Bedeutung von Grünland in der Landwirtschaft werden Wiesen und Weiden weiter in Ackerflächen umgewandelt. So gingen beispielsweise in der Region Niedersachsen/Bremen zwischen 2003 und 2010 sieben Prozent des Grünlands verloren. Die Ursachen liegen vor allem in der rückläufigen Milchwirtschaft und Rinderproduktion.

Ein weiterer Faktor, der den Rückgang natürlichen Feuchtlebensräume begünstigt, ist die Ausdeichung vieler ehemaliger Überschwemmungsflächen sowohl entlang der Elbe als auch an ihren Nebengewässern. Dieser Verlust großer wasserbeeinflusster Flächen, die im Rahmen von Flurbereinigung und Melioration trockengelegt wurden, wirkt sich nicht nur negativ auf den Naturhaushalt und die Klimabilanzen aus, sondern lässt auch das Hochwasserrisiko steigen.

Aus Sicht vieler Fachleute ist der Zeitpunkt gekommen, diese einseitige Ausrichtung der Wasserwirtschaft umzukehren. Die negativen Folgen gehen zu Lasten der Biodiversität und der begrenzten Ressource Wasser in einem ausgeglichenen Landschaftshaushalt.

Wassermanagement und wasserwirtschaftliche Entwicklung im Einklang mit Nutzung und Naturschutz sind eine wichtige Zukunftsaufgabe. Vor dem Hintergrund höherer landwirtschaftlicher Erträge für Nahrungsmittel und Energie sowie der Auswirkungen des Klimawandels müssen dringend Lösungen gefunden werden. Dies ist nur möglich, wenn alle beteiligten Disziplinen eng zusammenarbeiten und praktikable Lösungen vorschlagen.

Bis zum Jahr 2016 soll im Unesco-Biosphärenreservat „Flusslandschaft Elbe“ und in angrenzenden Gebieten mithilfe von 28 Projekten das Wasser in der Landschaft zurückgehalten, naturnahe Gewässer entwickelt und feuchtgebietstypische Arten gefördert werden. Dabei kommt es entscheidend darauf an, dass die überschüssigen Winterniederschläge gespeichert werden, und das Wasser in Zeiten der höchsten biologischen Aktivität bis in den Sommer hinein langsam wieder abgegeben wird. Eine Auswahl der vorgesehenen Maßnahmen:

• Entwässerungsgräben geregelt anstauen mit der Möglichkeit senkenreiches Grünland zu überstauen; teilweise werden sogenannte Wiesenblänken durch Ausschieben geschaffen.

• Niedermoorstandorte wieder vernässen, die nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden.

• Die Funktion von Quellbereichen durch Plombierung von Abzugsgräben oder Einbau von Bohlenstauwerken wiederherstellen.

• Ehemalige Flussmäander anbinden, Flussläufe mit Überstauungsflächen verlängern.

• Stillgelegte Kleinstauanlagen durch Sohlgleiten ersetzen, um die Wasserstände dauerhaft zu erhöhen – vor allem in den neuen Bundesländern.

Notwendigkeit der Zusammenarbeit

Einbau eines Bohlenstaus (c) Krüger/Projektbüro Mittlere Elbe
Einbau eines Bohlenstaus (c) Krüger/Projektbüro Mittlere Elbe

In den kommenden drei Jahren werden Vorhaben mit einem Finanzvolumen von knapp einer Million Euro umgesetzt. Wasserwirtschaftliche Projekte erfordern ein hohes Maß an integrativer Zusammenarbeit zwischen Eigentümern, Behörden und Projektträgern.

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert die notwendige fachliche Betreuung mit einem Anteil von 125.000 €. Für den Bau – hauptsächlich, um den Eigenanteil abzudecken – erklärte sich die Allianz Umweltstiftung mit Sitz in Berlin bereit, 170.000 € beizusteuern.

Alle Fäden laufen im Projektbüro Mittlere Elbe der Karl Kaus Stiftung für Tier und Natur in Trebel (Lüchow-Dannenberg) zusammen. Die Karl Kaus Stiftung ist Gesamtträger. In enger Zusammenarbeit mit Gewässerunterhaltungsverbänden in allen vier beteiligten Bundesländern (Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt) sowie den Wasserwirtschaftsbehörden werden die einzelnen Projekte koordiniert. In der Regel werden die Maßnahmen mit EU- und Landesmitteln gefördert. Dazu kommen eine Vielzahl weiterer Förderinstitutionen wie Lotto-Stiftungen, Naturschutzstiftungen und Naturschutzverbänden.

Fachliche Betreuung vor Ort

Zwei regionale Fachbetreuer (in Mecklenburg-Vorpommern/Brandenburg und Sachsen-Anhalt) halten den Kontakt vor Ort und sollen nach Fertigstellung die Wirksamkeit der Maßnahmen überprüfen. Die Palette der Maßnahmen reicht von klein (kostengünstig und schnell gemacht) bis sehr groß (aufwändige Verfahren und Genehmigungen). Alle Maßnahmen im Bereich Wasserwirtschaft bedürfen einer besonderen wasserrechtlichen Genehmigung. Es muss garantiert werden, dass nicht in die Maßnahme einbezogene Flächeneigentümer oder Anlieger auch wirklich nicht von den Baumaßnahmen und deren Wirkungen betroffen sind. Das Maß der Planung und des Genehmigungsverfahrens hängt nicht immer von der Größe des Vorhabens ab, sondern häufig von den Abgrenzung der Eigentumsflächen.

Wir hoffen damit, für die interdisziplinäre Zusammenarbeit und für die Umsetzung von Vorhaben im Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft ein Vorbild zu sein.

Maßnahmenbeispiele

Maßnahme: Anstau im Auenwald „Die Garbe“ in Sachsen-Anhalt

Deichsielverschluss lässt Auwald entstehen (c) Krüger/Projektbüro Mittlere Elbe
Deichsielverschluss lässt Auwald entstehen (c) Krüger/Projektbüro Mittlere Elbe

Hier konnte mit ganz geringem Aufwand eine große Wirkung erzielt werden. Der Auenwald wird regelmäßig durch sogenanntes Drängewasser hinter einem Sommerdeich überflutet. Das Wasserläuft aber sehr schnell über mehrere nicht mehr funktionstüchtige Deichsiele wieder ab. Schon vor der Brut- und Laichzeit ist häufig alles wieder trocken. Mit geringen Kosten (ca. 2.000 €) und in Absprache mit den Waldbesitzern wurden die Siel bis auf eine festgelegt und sinnvolle Höhe zugemauert und damit eine sicherer Wasserstand bis in das Frühjahr hinein gewährleistet.

 

Maßnahme: Ausbau einer so genannten Grabentasche an einem Entwässerungsraben

Grabentasche an der Karthane (c) Krüger/Projektbüro Mittlere Elbe
Grabentasche an der Karthane (c) Krüger/Projektbüro Mittlere Elbe

Grabentaschen, wie hier an der Karthane in Brandenburg, sind in ihrer Vielzahl recht gute zusätzliche Wasserspeicher. Sie werden in seitlich und parallel zum Fließgewässer geplant und haben durch ihre sehr flachen Böschungen  eine naturnahe Ufervegetation. Man kann zur Erhöhung der Strukturvielfalt zusätzlich Untiefen und Inseln mit einplanen. Auch Altholz und große Findlinge sind gute Strukturbildner. Allerdings ist die vorbereitende Planung recht umfangreich und durch die Erdarbeiten auch kostenträchtig, Der Boden muss in der Regel abgefahren werden. Kosten insgesamt ca. 120.000 €.

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Diese Seite geändert am 18.03.2014

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